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Mehr Zeit für Bildung ja! - Volksbegehren "G 9 jetzt" ist der falsche Weg

Ende Januar ist das Volksbegehren "Abitur nach 13 Jahren. Mehr Zeit für gute Bildung" gestartet, das G 8 in NRW rückgängig machen will. Bis zum 7. Juni können die wahlberechtigten Bürger in Rathäusern und Bürgerbüros den Text des Volksbegehrens unterschreiben. Die betroffenen Schüler, um die es geht, sind ausgeschlossen.

Das "Bündnis länger gemeinsam lernen. NRW" unterstützt das Volksbegehren nicht und rät dazu, den Text nicht zu unterschreiben.

Turbo-Abi wurde überhastet eingeführt

Erinnern wir uns: Als die schwarz-gelbe Landesregierung von Ministerpräsident Jürgen Rüttgers 2005 überhastet G 8 einführte, hagelte es Kritik von fast allen pädagogischen Fachleuten. Die nachfolgende rot-grüne Landesregierung hat dann in mehreren Diskussionsrunden mit allen Beteiligten, auch mit den Gymnasialeltern, versucht, G 8 zu reformieren und zu möglichst einvernehmlichen, aber auch praktikablen Lösungen an den Gymnasien zu kommen. Den Gymnasien wurde es freigestellt, zu G 9 zurückzukehren. Die meisten Gymnasien lehnten das aber ab, weil sie sich auf G 8 eingestellt hatten.

Neue Konzepte für G 9 liegen vor

Allen Beteiligten wurde mit der Zeit aber klar: Eine wirklich befriedigende Reform dieser Fehlentscheidung von 2005 ist noch nicht zustande gekommen. Deswegen schlagen alle NRW-Parteien inzwischen in unterschiedlicher Weise eine Wiedereinführung des neunjährigen Gymnasiums für die Zeit nach der Landtagswahl vor.

Aus diesem Konsens schert das Volksbegehren aus, wenn es einseitig eine Gesetzesänderung vorschlägt, die, wenn die Initiative erfolgreich ist, später auch im Landtag nicht mehr verändert werden kann, und so dem sonst üblichen demokratischen Beteiligungsverfahren (Anhörungen von Schüler-, Eltern- und Lehrerverbänden) entzogen ist.

Unsere Gründe gegen das Volksbegehren „G 9 jetzt“

Das "Bündnis länger gemeinsam lernen. NRW" unterstützt die Bemühungen der NRW-Parteien, G 8 zu reformieren und die Schulzeit an den Gymnasien zu verändern. Wir halten aber das Volksbegehren aus unterschiedlichen Gründen für falsch:

  • Während alle pädagogischen Fachleute die Ausweitung der Ganztagsschule
    (2002 = 9,8 % / 2015 = 37,3 % aller Schüler) für einen wichtigen Fortschritt im deutschen Schulsystem halten, wollen die Initiatoren des Volksbegehrens zurück zur Halbtagsschule. An den Gymnasien soll es nur offene Ganztagsangebote für diejenigen geben, die dies wünschen. Dies ist ein klarer Rückschritt auf dem Weg zur Verbesserung der Qualität im Schulsystem.
  • Wenn der eine Teil der Schüler nachmittags zu Hause bleibt und der andere zur selben Zeit in der Schule ist, vergrößert das die Spaltung in der Schülerschaft.
    Mit der Notwendigkeit des "längeren gemeinsamen Lernens" ist diese Aufspaltung unvereinbar! Sie führt zu einer Verringerung der Chancengleichheit in der Schule.
  • Die pädagogische Arbeit der Schulen wird erschwert, wenn der Ganztag in das Belieben von Eltern oder Schülern gestellt wird. Die Planung und Gestaltung eines pädagogisch strukturierten Ganztags an der Schule ist dann nicht mehr möglich.
  • In der Initiative des Volksbegehrens geht völlig verloren, dass Schule mehr sein muss als Unterricht. In der Schule müssen Schülerinnen und Schüler auch soziale Kompetenzen und demokratisches Zusammenleben lernen. Sie müssen lernen, mit kulturellen Unterschieden zu leben. Im verbindlichen Ganztag ist dies eher möglich. Es ist bezeichnend, dass die Landesschülervertretung das Volksbegehren nicht unterstützt.
  • Die Initiatoren des Volksbegehrens "G 9 jetzt" verschweigen, dass die Wiedereinführung des neunjährigen Gymnasiums mit einer erheblichen Unterrichtskürzung für alle anderen Schulformen (Haupt-, Real-, Sekundar- und Gesamtschulen) finanziert werden soll:
    Betroffen sind vor allem die "Ergänzungsstunden", in denen diese Schulformen innerhalb der SEK I Lernzeiten und individuelle Förderprogramme organisieren. (Vgl. Presseinfo GGG NRW) Im Klartext: Gymnasialeltern fordern damit faktisch eine Lernzeitverkürzung an Haupt-, Real-, Sekundar- und Gesamtschulen. Das geht gar nicht!

Die Schule darf im Leben von Schülerinnen und Schülern nicht total werden. Schüler brauchen mehr Zeit in der Schule - aber nicht nur für den Unterricht, sondern in erster Linie für Sport, Musik, Kunst, Theater und soziale Projekte. Das ist aber keine Sache von G 8 oder G 9, sondern die Aufgabe einer pädagogischen Gestaltung und verantwortlichen Planung in jeder Schule.

Es ist verständlich, wenn Eltern für die Interessen ihrer Kinder kämpfen. Persönliche Interessen von Eltern können aber auch eine verantwortliche Schul- und Bildungspolitik erschweren oder gar blockieren.

Der Staat jedoch ist dem Allgemeinwohl verpflichtet und trägt Verantwortung für alle Kinder und Jugendlichen. Er hat für Gerechtigkeit und Chancengleichheit zu sorgen.
Das ist aber nicht das Ziel des Volksbegehrens "G 9 jetzt"!

Prof. Dr. Hans-Martin Lübking



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